Ich gehe zum Fenster, öffne beide Flügel und hänge mich mit meinem Körper in den Wind. Der Himmel zieht sich zusammen. Das Blau kündigt ein Gewitter an. Es ist zu schwül. Ich beuge mich vor. Noch ein Zentimeter. Ich spiele mit dem Gleichgewicht. Die Weite lädt mich zum Fliegen ein, nur, dass ich kein Vogel bin. Flügel sind mir noch nicht gewachsen. Dieses Phänomen, das dich mit angenehmen Düften umgibt und in ferne Länder entführt, kenne ich nur aus der Literatur.
Mir reicht es nicht aus dem Fenster zu fliegen.
Sortir par la fenêtre ne me convient pas
complètement.
Vier sind zu wenig.
Was für eine Beschränkung !
Der Himmel will unendliche Explosion.
Kunst kennt Ultramarinblau.
Ich will nicht sagen, dass ich nach meiner gelben und roten Periode eine Blaue gekannt hätte. Nein, mit dem Blau ist es eine andere
Geschichte. Das ist keine Phase, kein Zustand, keine Saison. Blau ist ein Erlebnis, das sich ausdehnt. Ich zerreisse, wenn das so weiter geht. Eine Spannung bis zum Anschlag, bevor der Bogen sein
Ziel erreicht.
Ein Ziel ist nicht schlecht.
Ich meine nicht das Paradies im Jenseits. Ich bin bescheiden. Ein Ziel ist für mich ein erreichbarer Ort. Jetzt. Heute Nachmittag, Abend. Demnächst. Näher als die ehemalige Trennung von Körper und Seele. Meine Güte, was für ein antiquiertes Wort. Man sollt es durchstreichen. Ich werde gleich vergessen, dass ich es geschrieben habe. Ich wollte die Buchstaben trotzdem auf dem Papier sehen. Das gibt ihnen Körper. Das Schreiben verbindet Tinte und Papier. Eine interessante Beziehung. Symbiose und Unabhängigkeit im Kontrast. Das Papier saugt die Flüssigkeit auf. Oh, was für eine Verbindung! Eine Einladung zum Voyeurismus.
Je ferme la fenêtre
Ich mache das Fenster zu.
Das Blau dringt ins Zimmer. Es verwickelt sich im Vorhang und in der Hängelampe. Ich mache das
elektrische Licht an, will klar sehen. Suche die Ränder, die Konturen. Ich zeichne sie mit den Fingerkuppen nach. Das Bild an der Wand versteckt seine Oberfläche hinter Glas. Es kennt keine
Wiedergeburt. Das Bild ist einmalig als Kopie. Ich habe sie eigenhändig angefertigt. Ich bin stolz auf das Werk. Es wird mich überdauern. Das gibt meinem Leben eine zeitliche Dimension. Es weist
über mich hinaus. Ich bin nicht mehr alleine von ihm abhängig. Eine angenehme Illusion.
Da hängt mein Leben als Zeichen an der Wand.
Ma vie fait
signe
Meine Gedanken bleiben im blauen Dunst hängen. Ich habe das Fenster seit damals nicht mehr geöffnet.
Blau in der Hängelampe und im Vorhang. Blau, nachtblau. Zu tief. Das Blau. Andere nehmen es gar nicht wahr. Ich taste mich heran. Ich bin die einzige, die es fühlen kann. Dabei wird mir von allen
Seiten meine Rationalität bestätigt. Nur hat noch keiner gemerkt: Bei mir ist sie voller Gefühl.
Ich denke mit der Haut.
Colette sagt, „wenn mein Körper denkt, schweigt der Rest und meine Haut wird zu meiner Seele“. Bei mir
ist das anders. Ich würde gerne mal mit Colette darüber sprechen.
Leider
lebe ich in einer anderen Zeit. Und
siehe da, hier steht es schwarz auf weiss: