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Osmosophie – oder die Kommunikation zwischen den Welten

1. WELT

 

1.1. Die Verbindung von i.c.h. und Um -Welt

 

Durchlässigkeit in alle Richtungen und auf allen Ebenen. Der menschliche Körper bildet eine Ereigniseinheit bei der eine Verdichtung und hohe Konzentration von Faktoren stattfindet. So ist der menschliche Körper intensiver durchdrungen von Geist und Seele als die Umwelt oder die übrige Natur. Jeder individuelle Körper umfasst eine Ansammlungen von Begebenheiten, Geschichten, Erfahrungen und Erkenntnissen, die so in dieser Kombination nicht wieder vorkommen. Geist und Seele sind auf eine spezifische Weise mit dem Körper verbunden und in allen Zellen vertreten. Von der Fußsohle bis zur Schädeldecke, vom Erdinneren bis zum Himmel reicht die Kette der Verknüpfungen.

Der Körper ist Welt. Die Welt umfasst viele Körper. Das Subjekt ist eine Fehlleistung, eine Erfindung der Philosophie der Trennungen. Subjekte gibt es nur da, wo klare Grenzen sind. Der menschliche Körper ist qualitativ nicht verschieden von anderen Körpern. Alle Körper sind Teile der Welt. Kein Körper kann sich aus ihr lösen. Als Teil der Welt kann der Körper zwar Konturen annehmen, er kann aber nicht sich selbst gegenübertreten. Er hat kein Bewusstsein von sich selbst. Das Sprechen über Körper ist also immer ein Sprechen in der Erfindung und Identifizierung mit sich selbst (-> Natur/Wissenschaft). Es gibt kein Objekt. Die Erfindung des anderen ist eine sprachliche Ausformung der Wahrnehmung durch fünf Sinne. Die Erzeugung von Konturen und Grenzen ist dieser Eigenschaft der menschlichen Rezeption zu zuschreiben.

Jeder Augenblick besteht aus vielen Ereignissen, die in einem Ereignistropfen vorübergehend zusammengefasst sind. Alle Faktoren, die zu seiner Aktualisierung beitragen, treten im Augenblick am selben Ort auf und verbinden sich dadurch. Zu einem folgenden Zeitpunkt kann eine neue Kombination entstehen. Es wäre ein groer Zufall, wenn ein Ereignistropfen ein zweites Mal entstehen würde. Dann müssten alle beteiligten Faktoren nochmal dieselbe Wahl treffen.

 

1.2. Die Welt als Ereignis

 

Es gibt kein Ding an sich. Nichts existiert für sich allein oder vor der Zeit. Weder als Energie noch als materielles Teilchen. Alles entsteht im Austausch, in der Bewegung, die an sich schon zwei Punkte erfordert. Es gibt nichts Einzelnes, Unabhängiges, Vor/Gegebenes. Es gibt nur, was geschieht, das Ereignis. Die Ereignisse folgen keinen logischen Gesetzen. Der vorliegende Versuch, trotzdem eine vernünftige Beschreibung der Ereignisse abzugeben, wird sich also ständig widersprechen und hinterfragen müssen. Die Beschreibung ist durch die sprachliche Ausdrucksform begrenzt. Die Wahrnehmung der Ereignisse geschieht auch auerhalb der Sprache. Deshalb gibt es immer den unbestimmten Faktor bei jeder Aktualisierung einer Ereigniseinheit.

Die Welt besteht aus einer Vielzahl von Ereignissen. Sie aktualisiert sich permanent. Nichts ist statisch. Das Zusammenspiel aller Ereignisse zu einer Zeit macht den Augenblick aus. Die Welt ist zufällig so, wie sie ist. Es ist das Zusammenspiel wie bei einem Konzert. Alle Mitspieler improvisieren gemeinsam. Es gibt keine Partitur und keinen Dirigenten. Jeder Ton hat Bedeutung für den gesamten Klang, auch der nicht gespielte Ton. Jede Spielerin hat eine Auswahl zahlreicher Möglichkeiten zu spielen. Ihr Einsatz wird abhängig sein vom Klang ihres Instrumentes, von den vergangenen Tönen, von ihrer Fähigkeit zu spielen, von ihrer Vorstellung und Fantasie einer Melodie oder eines Konzertes, von ihren Wünschen und ihrem Begehren, von der Umgebung und der Akustik, von ihrer Erinnerung und vielem mehr.

Alle diese Elemente sind übertragbar auf jedes Ereignis. Jede aktuelle Erfahrung wird aus einem Netzwerk von Faktoren bestimmt: Geschichte, Geographie, Umwelt, Gesellschaft, Kultur, persönliche Geschichte/Kindheit, Beziehungen,Wissen, Fähigkeiten, Konstitution/Gesundheit, Lust, Müdigkeit und Atmosphäre.

Das Leben reiht sich unter diese Faktoren ein. Es entsteht im Zusammenspiel. Leben ist nicht das Gegenteil von Tod. Leben und Tod sind zwei eigenständige, unabhängige Ereigniseinheiten, die sich allerdings gegenseitig beeinflussen. Leben ist kein für sich selbst existierendes Konzept. Es verwirklicht sich in jeder Ereigniseinheit neu und einmalig.

Die scheinbaren Wiederholungen, sind also nur äuerlich. Es gibt gewisse hnlichkeiten von Ereignissen. Manche Zusammenhänge kommen zu einem hohen Prozentsatz wieder, aber da so viele Faktoren beteiligt sind und sich jeweils neu entscheiden können, werden nie alle gleichzeitig dieselbe Entscheidung wiederholen.

 

Ein Ereignis verbindet die gegenwärtigen Faktoren mit den vergangenen Faktoren. In ihrer Zusammenwirkung machen sie die Aktualisierung aus.


2. Natur/Wissenschaft

 

Die europäische Philosophie spricht von einer Trennung von Körper, Geist und Seele im Bezug auf die Person. In der Osmosophie, in der die bergänge zwischen „belebter“ Welt ebenso flieend und durchlässig sind wie zwischen Mensch und Um/Welt, ist diese Trennung aufgehoben. Alle drei Elemente/Faktoren kommen in jeder Zelle und in jeder Ereigniseinheit vor. Sprachliche Unterscheidung hilft zur Benennung der aktuell aktivierten Schwerpunkte.

In dem Bereich Natur/Wissenschaft liegt der Schwerpunkt auf Geist und Materie. Rationalität und Logik werden gewissermaen buchhalterisch verwaltet. Die Wissenschaft wird dem Verstand zugeschrieben. Die Verbindung mit „Natur“- Wissenschaft betont den sachlich-materiellen Aspekt. Dabei wird oft vorschnell von einer Naturvorstellung ausgegangen, die gleichzeitig rein sachliche und romantische Vorstellungen verknüpft. Natur als gegebenes, als Tatsache, als „harte“ Wissenschaft scheint die objektive Seite zu repräsentieren, aber genau diese Vorstellung hat romantische Züge. Sie wird genährt von einem romantischen Glauben an ein an-sich funktionierendes „natürliches“ System. Ein System, das für sich ein Gleichgewicht der Entwicklung herstellen kann und nach seinen eigenen Gesetzen funktioniert. Dabei ist genau das eine Illusion. Die Natur hat keine eigenen Gesetze. Sie aktualisiert sich ebenso entsprechend den beteiligten Faktoren wie jede Ereigniseinheit. Sie ist also in ihren Abläufen gleichzeitig frei und gebunden. Frei, in dem Sinn, dass ein Ereignis immer mehrere Möglichkeiten hat, um sich zu aktualisieren. Gebunden, insofern es nicht „die“ Natur gibt, die unabhängig nach einem eigenen Prinzip funktioniert. Trotzdem ist der Begriff nützlich. Dies ist aber in der Osmosophie nur als Beschreibungs- und Sprechhilfe zu verstehen. In wissenschaftlichen Arbeiten der Osmosophie spielen auch andere Faktoren eine Rolle. Trotzdem kann die Schwerpunktsetzung eine sprachliche Hilfe sein. Sie erklärt die Perspektive, aus der gesprochen wird.

Geist hat in der Osmosophie mehrere Komponenten. Er ist an den Intellekt geknüpft und kann in dieser Funktion wie oben erwähnt, verstandesmäige Erklärungen finden und formulieren. Er ist aber auch eng mit der traditionellen Vorstellung von Seele verbunden. Geist ist sozusagen das bewusste Gefühl oder anders gesagt, beseeltes Bewusstsein.

Natur/Wissenschaft gibt zwar vor „objektiv“, rein rational nach den Gesetzen der Logik vorzugehen, aber bei genauerer Analyse stellen wir fest, dass die Prämissen schon in der Herangehensweise nach individuellen Vorlieben der WissenschaftlerInnen gesetzt werden. So haben Frauen oft eine engere Beziehung zu ihrem Forschungsobjekt aufgebaut. Sie identifizieren sich mit dem „Forschungsgegenstand“. Dadurch kommen sie zu anderen Ergebnissen (-> vgl. Modelmog). Dieser Hinweis ist nicht ontologisch zu verstehen. Dass „Frauen“ angeblich einen engeren Bezug aufgebaut haben, soll nur als Hinweis darauf verstanden werden, dass die Sozialisation der WissenschaftlerInnen, der Charakter der Person und die jeweilige Biographie ebenso Teil des wissenschaftlichen Vorgehens ist und wie die „rein“ materiellen Methoden mit in Betracht gezogen werden muss (-> vgl. Mies feministische Postulate). Er ist aber auf keinen Fall irgendwie an das Geschlecht gebunden. Es wäre ein Missverständnis, wenn dies zu einer Verallgemeinerung von Frauen als Wissenschaftlerinnen mit eigenartigen Methoden führen würde. Es ist auf jeden wissenschaftlichen Akt anzuwenden. Die Frage nach dem Verhältnis ForscherIn und Thema der Forschung gilt ebenso für Albert Einstein, Sigmund Freud oder ...(Bioethik) wie für Marie Curie, Melanie Klein oder Ina Prätorius.

Diese Beziehung ist somit auch von emotionalen Faktoren geprägt. Deshalb kann Wissenschaft nicht absolut objektiv sein. Geist ist in allem gegenwärtig. Natur/Wissenschaft beschäftigt sich mit vergangenen Ereignissen. Sie gibt Punkte in Ort und Zeit vor, die sie analysiert und beschreibt. Da in der Osmosophie ständige Bewegung herrscht, ist das ein Problem. Die Aussagen der Natur/Wissenschaft können immer nur punktuell sein, auch wenn sie Allgemeingültigkeit beanspruchen.

 

 

3.  Kultur
3.1. Kunst, Religion, Spiritualität

 

In den Ereigniseinheiten, die mit Kunst, Religion und Spiritualität verknüpft sind, ist das Element der zukünftigen Potentialität stärker vertreten als in anderen Ereigniseinheiten. Die Verbindung der einzelnen Faktoren ist getragen von Ideen, die noch nicht aktualisiert sind. Es herrscht eine Energie der Veränderung, der Kreativität und der Schöpfung. Diese Ereigniseinheiten vermitteln grösseren Genuss als alltägliche Ereigniseinheiten. Seele und Gefühl haben stärkere Ausdrucksmöglichkeit als in der Natur/Wissenschaft, aber auch hier herrscht der Geist in jeder Ereigniseinheit. Das vorhandene Potential wirkt über die aktualisierte Einheit hinaus und beeinflusst benachbarte Einheiten. Dadurch entsteht eine erhöhte Kommunikationsfähigkeit.

Die Steigerung der Kommunikation besteht in der Art und Weise der Mitteilung, in den Inhalten und in der Art und Weise der Rezeption.

Die Mitteilung durch Kunst geschieht über verschiedene Kanäle, vermittelt durch die bekannten fünf Sinne, aber auch durch andere Wahrnehmung wie Intuition, Muse, Epiphanie oder Zärtlichkeit. Die Unterscheidung zwischen Kunstproduktion und Kunstkonsum ist für die Kommunikationsfähigkeit und das erhöhte Potential neuer Erfahrungseinheiten nicht von wertender Bedeutung. Auch in der Religion und Spiritualität ist die Erfindung von Mythen und GöttInnen hinsichtlich ihrer Funktion in den Ereigniszusammenhängen gleichbedeutend mit der Ausführung von Ritualen, also mit den Praktiken zur Umsetzung, Verwirklichung und Anerkennung der Mythen.

Die Inhalte beziehen sich auf alle Bereiche des Lebens. Sie sind immer interpretierend, nie nur eine Abbildung oder Wiedergabe.

Neue Zusammenhänge und Verknüpfungen werden hergestellt. Die Bereicherung steigert den Genuss und das Begehren. Durch die Initiierung neuer Zusammenhänge und Vernetzungen wird gleichzeitig eine An/Ordnung geschaffen. An/Ordnung bietet Orientierung. Die Ordnung basiert auf Beziehungszusammenhängen und ist nicht rein sachlicher Natur. sthetik ist eine Grundlage der An/Ordnung. Diese trägt zum höheren Genuss bei.

Die Welt der Kunst ist osmotisch. Die An/Ordnung ist nie starr, auf Dauer oder gar eine einzig mögliche. Sie ist im Austausch mit der/m Künstler/in, dem Werk, der Darstellungsatmosphäre und der/m RezipientIn und deshalb in ihrem Ausdruck und ihrer Aussage ständig in Bewegung. Sie ist eine Kommunikationsform, die auch die „Seele“ (-> i.c.h.) anspricht. Dies wird hier extra erwähnt, da in der westlichen Tradition der Geist mehr zählt und ständig in den Vordergrund gerückt wird. Auch wenn die Seele in allen Ereigniseinheiten eine Rolle spielt, soll sie an dieser Stelle besondere Aufmerksamkeit finden. Wenn die Seele nicht ausdrücklich benannt wird, wird sie vergessen und vernachlässigt. Kunst ist Nahrung für die Seele. Die Seele entfaltet sich, geht spazieren, wächst, teilt sich mit, erholt sich, geniet,schlummert friedlich vor sich hin, kämpft, schreit und klagt.

Sie überschreitet die Körpergrenzen im Kontakt mit der Kunst. Die Durchlässigkeit in beide Richtungen ermöglicht eine Kommunikation und einen Austausch, der es erlaubt, eine alte Vorstellung von Seele neu erstehen zu lassen. Gibt es in vielen Religionen die Idee einer Weltseele oder eines Urgrundes, aus dem alle Seelen stammen, so hat die Osmosophie im Zuge der Postmoderne diese Idee hinterfragt. Groe, allgemein gültige Kategorien sind suspekt. Es existiert scheinbar nichts auerhalb menschlicher Vorstellung. In der Osmosophie ist allerdings die Vorstellung nur eine Ereigniseinheit unter vielen. Es besteht Kontakt und Durchlässigkeit zu anderen Erfahrungseinheiten, so dass eine Vorstellung von Seele möglich wird, die Substanz über die einzelne Person hinaus aufweist, ohne zum Gott oder zur eigenständigen Grösse zu werden. Diesen Pool an seelischem Material könnten wir Gefühlswelt nennen, wenn nicht dadurch schon wieder eine Begrenzung auf emotionale Reaktionen geschehen würde. Dieser Pool kann nämlich nicht nur den PsychologInnen, PsychoanalytikerInnen oder EsoterikerInnen überlassen werden. stetik, Empfingung für das Schöne, Grässliche, Banale oder Aussergewöhnliche lebt von ihrer/m DarstellerIn, dem Prozess der Entstehung, der Darstellung selbst, der Umgebung der Präsentation, dem Augenblick der Präsentation und der Rezeption. In allen diesen Ereigniseinheiten besteht eine Verknüpfung zu weiteren Faktoren, so dass ein ganzes Konglomerat, eben eine Art Bienenwabe, entsteht. Es ist kein Blumenstrauss, bei dem die Addition der einzelnen Blumen den Gesamtduft ergibt, sondern ein Blumenbeet mit mehrjährigen Pflanzen. Wenn die/der KünstlerIn Blumen pflückt, um aus der Essenz ein Parfüm zu machen, fehlen zwar die individuellen einzelnen Blüten, aber der Duft an sich ist nicht verloren. Das heisst der Teil des i.c.h.s, den wir vorübergehend Seele nennen, wird u. a. durch Kunst gespeist, geschaffen, erhalten und verändert. Das gleiche gilt für Religion und Spiritualität. Der Schamane, die Schamanin, die PriesterInnen, Muezine oder MeditationsleherInnen schaffen mit ihren Ritualen eine Möglichkeit, den Kontakt zum Blumenbeet zu beleben, zu gestalten, zu erneuern oder zu erfinden. Der Übergang zwischen Geist und Seele ist unbegrenzt.

Der Geist äussert sich nicht nur im Denken. Er trägt auch durch die Kunst, Religion oder Spiriutalität zur Erkenntnis bei. Er hat aber wie die Seele keine eigene Existenz. Auch wenn er in einem Satz als Subjekt fungieren kann. Seine häufigste Aktualisierung geschieht in der Erkenntnis. Erkenntnis bedeutet, Zusammenhänge herzustellen, die über den Augenblick hinaus Bedeutung haben. Zusammenhänge herzustellen heit, vorhandene Verbindungen aufzudecken und zu benennen, aber auch neue Verbindungen zu schaffen. Der Geist manifestiert sich auf vielfältige Weise. Er hat keinen eigenen Willen. Seine Ereigniseinheit verwirklicht sich durch seine Ausdrucksformen, die Zusammenhänge und Verbindungen herstellen. Es besteht außerdem ein ständiger Austausch mit dem Körperlich-Materiellen. Religiöse Symbole oder Kunstwerke, Performance oder Ritual, Klang, Farbe, Bewegung, Berührung und Duft sind Ausdruck und Umsetzung dieser Quelle, dieses Pools, dieses Blumenbeetes.

 

 

3. 2. Kultur: Sport, Freizeitaktivität und Körpergestaltung

 

Dieses Kapitel ist von dem Kapitel über Kunst und Spiritualität getrennt. Der Schwerpunkt liegt hier auf dem Körper und trotzdem gilt auch hier der Zusammenhang aller Elemente/Faktoren. Das i.c.h. ist mit allen Eigenschaften gegenwärtig. Die Verbindung zur Umwelt ist entscheidend. Auch im Sport entfalten sich Geist und Seele. Allerdings bringt die Konzentration auf körperliche Ausdrucksform und die oft damit verbundene Anstrengung geistige und seelische Aktivität vorübergehend in den Hintergrund. Das heisst nicht, dass Geist und Seele beim Sport nicht beteiligt wären. Im Gegenteil.

Sie können sich im Sport erholen, verändern, verhärten, entspannen.

Sport fächert sich nicht nur in verschiedene Disziplinen auf, sondern auch in einen leistungsorientierten und ästhetischen Teil. Diese Aufteilung könnte dazu führen, dass einzelne Disziplinen wie z. B. Tanz eher unter Kultur anzusiedeln sind. Da es sich bei den Kapiteleinteilungen aber nur um Schwerpunktsetzungen handelt, reicht ein Hinweis an dieser Stelle aus. Alle Kapitel können im Grunde für jede Ereigniseinheit geschrieben werden. Unsere Sprache verlangt ständige Wiederholung, wenn Aussagen für mehrere Themen gelten.

 

Freizeitsport ist eine Erfindung der Neuzeit. Die klassischen griechischen Wettkämpfe dienten zur Disziplinierung des Körpers. Der Freizeitsport der Industrienationen hat unterschiedliche Ziele. Er dient zum einen der Entspannung oder für manche dem Ausgleich der mangelnden Bewegung während der Lohnarbeit und zur Reproduktion der Arbeitskraft. Es gibt inzwischen viele Firmen, die spezielle Sportangebote für ihr Personal finanzieren. Zum anderen besteht der Wunsch der Körperanpassung. Normierte Schönheitsideale zwingen zur künstlichen Formung des Körpers. Muskeln müssen an der richtigen Stelle gestählt werden. Wenn der Sport nicht ausreicht, wird auch zu operativen Eingriffen übergagangen. Dies Wünsche zeigen, da viele keine Grenze zwischen vorgegebener Biologie und erzeugter Körperstatur zulassen. Sie scheinen dem Biologismus verfallen, in dem Glauben, da das Körperlich-Materielle die Realität ausmacht und gleichzeitig Anhänger des postmodernen Glaubens, da alles Konstruktion ist. In dem Miverständnis, da alles konstruierbar ist, ohne die Zusammenhänge zu berücksichtigen. Sie glauben, da unsere Vorstellung und unsere Ideen unsere Realität erzeugen. Sie glauben, da sie ihre körperliche Erscheinung einem vorgestellten Ideal angleichen könnten.

 

In der Osmosophie ist vorrangig von Interesse wie Sport Einfluss nimmt auf Ausdrucksformen des I.c.h.s.

Sport setzt wie gesagt den Schwerpunkt auf den Körper. Materielle, biologische oder physiologische Veränderungen stehen im Vordergrund. Die Vernetzung aller Vorgänge in der Osmosophie führt dazu, dass auch im Sport Seele und Geist bei den Körpervorgängen mitberücksichtigt werden müssen. Indische Gurus zeigen, dass es möglich ist, durch geistige Beherrschung den Körper über die angeblich natürlichen, biologischen Grenzen hinaus zu disziplinieren. Andererseits scheinen Körperreflexe ohne bewusste Entscheidung zu funktionieren, so dass der Eindruck entsteht, dass der Körper ein Eigenleben führt, unabhängig von dem Willen des i.c.h.s.

Osmosophie geht hingegen davon aus, dass nichts unabhängig geschieht. Sport lebt genauso vom Seelenzustand des i.c.h.s wie vom Gesundheits- oder Geisteszustand.

Kein Aspekt beherrscht den anderen völlig auf Dauer. Hier gibt es also den Unterschied zum herkömmlichen Umgang mit Sport oder Körperertüchtigung. Das Wort ist zu sehr mit Geschichte besetzt, als dass es unkommentiert Anwendung finden könnte. Trotzdem sagt es viel mehr aus über die Vorstellung, die mit Sport verknüpft ist.

 

 

0. Sprache

Sprache erschafft Wirklichkeit. "Was nicht benannt ist, existiert nicht." Sprache müsste also an erster Stelle genannt werden, wenn ich glauben würde, dass ausserhalb von Sprache nichts existiert.  Sprache ist die Basis der gesamten Überlegnungen und somit "Nullkapitel", aber es gibt andere Aktivitäten und andere Welten. Trotzdem hat Sprache einen besonderen Platz.

Das Thema „Sprache“ könnte einen größeren Stellenwert bekommen, wenn wir mit der Postmoderne konform gehen würden. Sprache würde an Gottes Stelle rücken. Sie wäre vorweg, vor allen Dingen. Vor dem Denken und vor dem Fühlen. Sie wäre aber auch alle Realität. Es gäbe nichts außerhalb. Alles was ist, hat einen Namen. Ohne Bezeichnung ist nichts. Der umgekehrte Satz würde nicht gelten: Nichts ist ohne Bezeichnung.

Aber Sprache ist ein Werkzeug, ein Instrument.

Sprache ist selbst geschaffen. Sie existiert nur in dem Maße, in dem wir ihr Bedeutung geben. Wir könnten anthropomorphe Vorstellungen von ihr haben. So wie sich Menschen ein Bild von Gott machen. Dabei unterscheide ich nicht zwischen dem Vaterbild des christlichen Alltagsgottes, der Dreieinigkeit der christlichen Geistlichkeit, der griechischen Götterfamilie oder der indischen Göttervielfalt. Der Status, den Sprache in der Postmoderne und im Poststrukturalismus einnimmt, gleicht dem Status der Götter. Sprache ist nahezu allmächtig, allgegenwärtig, ewig. Sprache wird zur eigenständigen Existenz mit Subjektstatus.

In der Osmosophie ist Sprache durchlässig. Sie existiert durch und mit den anderen Faktoren ihrer Aktualisierung. Sie ist eine Ereigniseinheit, die geprägt ist durch intellektuelles Wissen und biologische Fähigkeit, durch Struktur und Grammatik, Aussprache und Tonalität, Schrift und Zeichen, Bezeichnetes und Realität, Objekt und Subjekt, Hören und Lesen, Erinnerung und Fantasie, historische Entwicklung und kulturelle Veränderung. Bei jeder Aussage, die sich in Sprache aktualisiert spielen diese Faktoren eine Rolle. Jeder einzelne Faktor ist wiederum geprägt von einer Unzahl von Faktoren . In diesem Sinn müsste „Sprache“ im Kapitel „Kultur“ behandelt werden. Sprache wäre dann auf der gleichen Ebene mit Kunst, Musik, Spiritualität und Sport. Der Bereich von Sprache, den ich im weitesten Sinn mit Literatur bezeichnen möchte und alles, was mit konkreter Kommunikation und ihrer Gestaltung zusammenhängt gehört in dieses Kapitel.

Wie kann Osmosophie den besonderen, „göttlichen“ Status von Sprache in Frage stellen und ihr trotzdem einen besonderen Stellenwert geben?

Von welcher Sprache sprechen wir hier? Können alle Sprachen der Welt unter einer gemeinsamen Bedeutung zusammengefasst werden? Welche Bedeutung haben tote Sprachen oder Sprachen, die eine komplett andere, manche würden sagen keine, Grammatik haben?

Gehört das Kommunikationssystem der Delphine, Bienen oder anderer Lebensformen auch dazu?

Es wäre jetzt eine Aufgabe eine wissenschaftliche Definition auszuarbeiten, die genau festlegt, was unter den Begriff „Sprache“ zu verstehen ist. Das ist aber nicht das Interesse dieses Kapitels. Hier geht es vielmehr um die Macht und die Realität von Sprache/n. Die Wirkung von Sprache auf ihren Zusammenhang soll das Thema sein. Welche Rolle spielt Sprache im Bezug auf die Welt?

Siehe Kommentar von Bernd und meine Antwort
gerne weitere Beiträge zur Diskussion stellen

 

Osmosophie oder die Durchlässigkeit der Welt


1. Erzählung

 

Postmoderne und Dekonstruktion haben in der feministischen Theorie die Bedeutung von Sprache deutlich gemacht.

Frauenkörper sind, auch selbst wenn sie nicht biologisch als ein koherentes Etwas vorgegeben sind, gesellschaftlich von Bedeutung. Allerdings gibt es keine materielle, körperliche, biologische Grundlage für irgendwelche Verhaltensweisen oder Verhaltensmaßregelungen. Weder medizinisch, noch soziologisch oder psychologisch. So kann es zu dem verzwickten Fall kommen, den ich im Ankündigungstext angeführt habe. Das war keineswegs eine Verballhornung oder der Versuch einer Disqualifizierung einer Theorie für die Definition eindeutigen Lesbischseins. Nein, die Erwähnung einer Person, die nach gängigen biologischen Kriterien als biologisch männlich definiert wird, sich aber weiblich fühlt und "biologische" Frauen liebt, war kein Zirkustrick. Ich will jetzt auch nicht alle möglichen Varianten durchspielen, sondern diese Vorstellung ist das notwendige Ergebnis der Entwicklung des Begriffs "Lesbe".

 

Das Wort, die Sprache, beherrscht ihre Philosophie so sehr, daß ihr dabei entgeht, daß es Frauen gibt, die „tun“ ohne zu denken, die leben ohne zu reflektieren, die reagieren ohne zu benennen. So gut mir die Triologie „Mythos, Erzählung, Praktiken“ auch gefallen hat und ich muß zugeben, immer noch gefällt, habe ich sie doch aufgegeben, zugunsten von „Mythos, Erzählung, Praxis“. Ich möchte, daß in meinem Weltbild auch die Frauen und Lesben vorkommen, die keine Sprache für ihre Aktivitäten haben. Was ich genauer damit meine werde ich im folgenden erläutern.

 

2. Osmosophie

 

 

Ich habe in der Einleitung meinen Hang zum Eklektizismus erwähnt. Diese Leidenschaft werde ich im Folgenden ausleben. Ich habe während meines Theologiestudiums auch Philosophie studiert. Ich bin aber keine akademisch diplomierte Philosophin. Gleichwohl ist meine „Liebe zur Weisheit“ um so größer. Die „Weisheit“ wird von feministischen Theologinnen als die Göttin, Sophia, verehrt. „Sophia“ sei dem patriarchalen theologischen Auslegungen zum Opfer gefallen. Nun bin ich weder feministische Theologin, noch werde ich in diesem Exkurs näher darauf eingehen. Ich habe diesen Schlenker lediglich gemacht, um zu sagen, daß dieser abendländische jüdisch-christliche Einfluß ein Teil meiner theoretischen Sammelleidenschaft ist und auch hier eine Durchläßigkeit besteht.

Des weiteren hat feministische Literatur nicht unbedeutend zu meinen Gedanken beigetragen. Zu feministischer Literatur zähle ich ebenso theoretische Werke, wie z. B. Mary Daly oder Thürmer-Rohr, wie auch Belletristik oder auch die gesamte Flut feministischer Krimis. Letztere bieten einen immensen Fundus an ausgeprägter Weltanschauung.

 

Die Sammlung an „Weisheit“ läßt sich aber nicht nur auf ihre sprachliche oder mediale (ich zähle auch Drehbücher/Filme hinzu ) Äußerung begrenzen, sondern sie bezieht sich auch auf Begegnungen, Erlebnisse und Erfahrungen. Der Anhäufung dieser Sammlung wollte ich eine Ordnung geben. Die Theorie sollte nicht von der Praxis abgekoppelt bleiben. Damit meine ich aber nicht den alten Idealismus, daß die Theorie das Sprachrohr der Bewegung ist. Ich wollte einen Transfer in beide Richtungen. Ich wollte nicht nur Bewußtseinsarbeit in einem interdisziplinäres Rahmen benennen, sondern auch außeruniversitäre Aktivitäten aufnehmen. Kultur besteht schließlich nicht nur aus Sprache und sie wird nicht nur durch Sprache gemacht. Mit diesen Überlegungen bin ich zu Wiebke Johannsen gegangen, da ich sie als eine Sprachkünstlerin schätze. Wir haben gemeinsam mit Worten jongliert. Dabei sind wir zu dem vorläufigen Ergebnis gekommen, das Ganze „Osmosophie“ zu nennen.

Osmose beschreibt den Durchgang eines Lösungsmittels durch eine semipermeable Membran, wobei Unterschiede in der Konzentration auf beiden Seiten der Membran ausgeglichen werden ( Wahrig, Deutsches Wörterbuch, Gütersloh 1970) und „Sophia“ als Göttin der Weisheit gibt der Sache die nötige Würde. Dabei will ich nicht an der wissenschaftlichen Definition von „Osmose“ kleben bleiben. Trotzdem gefällt mir das Bild der semipermeablen Membran. Die Durchlässigkeit für einzelne Teilchen, die einerseits eine gewisse Abgrenzung bezeichnet und andererseits eine Zuordnung beibehält.

Das Bild gefällt mir besonders gut, da es das bipolare Denken aufhebt, ohne Gegensätze zu schmälern oder alles in einem Einheitsbrei von Harmonie einzuebnen. Eine Bienenwabe mit halbdurchlässigen, semipermeablen, Wänden gibt eine plastische Vorstellung der Ereigniseinheiten.

 

Ich möchte ein Schaubild entwerfen, das ich in Teilen einer Erklärung von Prozeßphilosophie entlehne. Diese Grundlage ist Ausgangspunkt für das im folgende entwickelte Menschenbild und dessen Bedeutung für Lesben.

 

2.1. Menschenbild und Weltbild

 

Die Welt besteht aus einer Vielzahl von Ereignissen. Sie aktualisiert sich permanent. Nichts ist statisch. Das Zusammenspiel aller Ereignisse zu einer Zeit macht den Augenblick aus. Die Welt ist zufällig so, wie sie ist. Es ist das Zusammenspiel wie bei einem Konzert. Alle MitspielerInnen improvisieren gemeinsam. Es gibt keine Partitur und keine Dirigentin oder Dirigenten. Jeder Ton hat Bedeutung für den gesamten Klang, auch der nicht gespielte Ton. Jede Spielerin hat eine Auswahl zahlreicher Möglichkeiten zu spielen. Ihr Einsatz wird abhängig sein vom Klang ihres Instrumentes, von den vergangenen Tönen, von ihrer Fähigkeit zu spielen, von ihrer Vorstellung und Fantasie einer Melodie oder eines Konzertes, von ihren Wünschen und ihrem Begehren, von der Umgebung und der Akustik, von ihrer Erinnerung und vielem mehr.

 

Alle diese Elemente sind übertragbar auf jedes Ereignis. Jede aktuelle Erfahrung wird aus einem Netzwerk von Faktoren bestimmt: Geschichte, Geographie, Umwelt, Gesellschaft, Kultur, persönliche Geschichte/Kindheit, Beziehungen, Wissen, Fähigkeiten, Konstitution/Gesundheit, Lust, Müdigkeit und Atmosphäre.

Die scheinbaren Wiederholungen, sind also nur äußerlich. Es gibt gewisse Ähnlichkeiten von Ereignissen. Manche Zusammenhänge kommen zu einem hohen Prozentsatz wieder, aber da so viele Faktoren beteiligt sind und sich jeweils neu entscheiden können, werden nie alle gleichzeitig dieselbe Entscheidung wiederholen.

 

Ein Ereignis verbindet die gegenwärtigen Faktoren mit den vergangenen Faktoren. In ihrer Zusammenwirkung machen sie die Aktualisierung aus.

Die Ereigniseinheiten reihen sich wie Tropfen aneinander. Ein Tropfen bildet eine Einheit mit einer unsichtbaren dünnen Haut, die eine vorübergehende momentane Grenze markiert. Der Übergang von einer Ereigniseinheit zur nächsten, von einem Erfahrungstropfen zum nächsten, ist ein ständiger Prozeß, bei dem der Moment, in dem der Tropfen eine Einheit bildet, also aus dem Fluß tritt und seine individuelle Form annimmt, immer nur einen Augenblick dauert. Jeder Augenblick besteht aus vielen Ereignissen, die in einem Ereignistropfen vorübergehend zusammen gefaßt sind. Alle Faktoren, die zu seiner Aktualisierung beitragen, treten im Augenblick am selben Ort auf und verbinden sich dadurch. Zu einem folgenden Zeitpunkt kann eine neue Kombination entstehen. Es wäre ein großer Zufall, wenn ein Ereignistropfen ein zweites Mal entstehen würde. Dann müßten alle beteiligten Faktoren noch mal dieselbe Wahl treffen.

 

2.2. Menschenbild und seine politischen Konsequenzen

 

Entsprechend der Vorstellung von Ereigniseinheiten gibt es keine fertige, vorgegebene Identität. Sie entsteht in jedem Augenblick im Zusammenspiel der verschiedenen Elemente(Faktoren). Die Identität ist nie abgeschlossen. Keine Identität gleicht der anderen identisch.

Zur Entstehung einer Person tragen Basiselemente bei, die in der klassischen Philosophie in der Triologie von Körper, Geist und Seele aufgetreten sind. Nachdem die Religion ihr Monopol auf das Wissen um die Seele verloren hatte, wurde durch die Psychiatriesierung v.a. eine Pathologie der Seele geschaffen. Die Seele ist in der Wissenschaft ziemlich in Verruf geraten. Die Psychoanalyse versucht ihr wieder Bedeutung zu gegeben1. Da Osmosophie noch in den Kinderschuhen steckt, fehlen hier viele Elemente, die eventuell zu anderen Zeiten oder in anderen Kulturen Bedeutung hatten. Der Astralleib soll hier nur als ein Beispiel angeführt werden, Shakren oder auch andere Energiefelder will ich hier nicht erwähnen, weil ich mich damit zu wenig beschäftigt habe. Wichtig ist mir, daß hier immer eine Leerstelle mit gedacht werden muß.

 

Alle Ereigniseinheiten und Erfahrungstropfen können nie vollständig erfaßt werden. Das Potential der Erneuerung und Veränderung besteht gerade darin, daß immer Durchlässigkeit in alle Richtungen besteht, so daß ständig ein überraschendes Element auftauchen kann, um sich an der Aktualisierung der Ereigniseinheit zu beteiligen. Wenn ich die Begriffe, Körper, Geist und Seele, trotzdem beibehalte, dann nur unter der Voraussetzung, immer wieder diese Trennungen aufzuheben und den Dreiklang zur Polyphonie werden zu lassen. Die Trennungen aufzuheben, bedeutet, daß die Seele nicht irgendwo im Herzen, in den Flüssigkeiten oder der Geist in den Neuronen lokalisiert wird, sondern in jeder Zelle alle drei und mehr Elemente enthalten sind. Eine Durchlässigkeit besteht - ich erinnere an die semipermeable Membran in Wabenform - , so daß kein Element alleine existiert und der ständige Konzentrations- und Druckausgleich den Zusammenhang fördert. Außerdem ist eine unbegrenzte Anzahl weiterer Faktoren/Elemente aus anderen Bereichen an der Aktualisierung beteiligt. Wie bei jedem Erfahrungstropfen spielen auch hier Geschichte, Umwelt, Landschaft, Zukunft, Fantasie, Kunst, Natur, Religion u. s. w. eine Rolle.

 

Bei der Beteiligung vieler ähnlicher Elemente und einer hohen gegenseitigen Durchlässigkeit kann sich eine Gruppe bilden. Genauso wie das Ich als Subjekt gebildet wird und nur solange als solches existiert, wie entsprechend viele Elemente an der Beteiligung in gleicher Weise weiterwirken, genauso kann eine Gruppe entstehen und wir können, solange eine ausreichend große Zahl ähnlicher Elemente beteiligt sind, von einem „Wir“ oder von „Frauen“ oder „Lesben“ sprechen. Das kommt Queer-Politik sehr nahe. Dort werden entsprechend gemeinsamer Ziele vorübergehende Bündnisse geschlossen. Der Unterschied zur Vorstellung in der Osmosophie besteht aber darin, daß die Gruppenbildung nicht nur vom Ziel abhängt, sondern, daß alle Elemente der Erfahrungseinheit beteiligt sind.

 

Das heißt im Bezug auf die Frauenbewegung/en und Lesbenbewegung/en2, daß wir angesichts der gegenwärtigen Entwicklungen auf ein paar Ausläufer blicken können. Diese Geschichte ist in ihrer gegenwärtigen Aktualisierung aufgehoben. Wie am Ende einer Eiszeit hat die Frauenbewegung Spuren hinterlassen. Einige revolutionäre Ideen wurden etabliert und institutionalisiert. Manche überleben in Nischen, die sich auf eine Bewegung berufen und an deren Ideen und Werte festhalten. Trotzdem befinden sich manche Kreise der Gesellschaft noch weit hinter der Frauenbewegung. Diese Zeitgleiche wird in der Osmosophie akzeptiert. Cornelia Klinger3 hat in einem Aufsatz einen Vergleich von erster und zweiter Frauenbewegung gemacht. Dabei hat sie festgestellt, daß beide eine Entwicklung vom Gleichheits- zum Differenzansatz durchgemacht haben. Wobei jedesmal der Differenzansatz als eine Verbesserung gegenüber dem Gleichheitsansatz gilt. Ich denke, daß beide Ansätze je nach Ausgangslage eine gute Strategie bilden können. So ist z.B. manche Gleichstellungsbeauftragte gut beraten, in ihren Verhandlungen mit dem Gleichheitsansatz zu argumentieren. Selbst wenn sie persönlich längst andere Ansichten vertritt. Ich selbst möchte allerdings aus diesem Grund nicht als Gleichstellungsbeauftragte arbeiten. Ich möchte mein Leben nicht in diesem Zwiespalt verbringen.

 

Ich habe beim letzten Lesbenforschungssymposium in Berlin die Politik der Runden Tische vertreten. Die Idee, daß mehrere VertreterInnen unterschiedlicher Bereiche und Anschauungen an öffentlichen Entscheidungen beteiligt sind, finde ich immer noch erstrebenswert. Trotzdem sehe ich, daß in der momentanen gesellschaftlichen Situation andere Machtverhältnisse herrschen. Unter diesen Bedingungen versteht vielleicht mancher Gemeinderat oder Bürgermeister, Firmenchef oder Abteilungsleiter eine Gleichheitsforderung eher als den Differenzansatz. Sie sind mit Gleichheitsargumenten zu einer Veränderung zu bewegen. Parallel dazu gibt es Frauenprojekte, die andere Arbeitsbedingungen umsetzen und Betriebe, die auf einen anderen, weiblichen Führungsstil von Frauen setzen. Anders dagegen ist die Forderung von Frauenzusammenhänge, die ein Arbeitszeitkonto einklagen. Ein Arbeitszeitkonto angelehnt an Senett, der die Anrechnung von Leistungen im zivilgesellschaftlichen Bereich fordert. Jede/r ArbeitnehmerIn sammelt Punkte auf diesem Konto, die sowohl Lohnarbeit als auch Arbeiten für das Gemeinwohl oder Familienarbeit einschließen. Das funktioniert nur bei gleichzeitiger Garantie eines Mindesteinkommens. An dieser Stelle werde ich als Feministin wieder skeptisch, da die Armut von Frauen genau auf dieser Art von Bescheidenheit aufbaut. Wie viele alleinerziehende Mütter oder Rentnerinnen leben am Rande des Existenzminimums? Spannend wird dieses Modell für Lesben, da es nicht nur die hetrosexuell orientierte Arbeitsteilung in Familien- und Erwerbsarbeit berücksichtigt. Osmosophie gibt dem Gleichheits- und dem Differnzansatz seinen Wert. Sie bestehen wie Waben nebeneinander und nicht wie Perlen auf einer Kette, wo die eine die andere ablöst und gar übertrumpft. Sie können sich aber nicht gleichgültig sein, da es einen gegenseitigen Konzentrationsausgleich gibt.

 

Ich möchte hier die „Homoehe“ als Beispiel anführen. Sie ist in meinen Augen ein schwules Projekt. Lesben, die sich der „ehemaligen“ Frauenbewegung verbunden fühlen, stellen die Ehe grundsätzlich in Frage. Die Privilegierung von dauerhaften Zweierbeziehungen mit Ausschließlichkeitsanspruch gegenüber anderen Lebensformen ist dadurch suspekt. Eine Änderung des Asylrechts, des Erbrechts, der Besuchsregelung im Krankheitsfall etc. hin zu einer Wahlmöglichkeit der jeweilig gewünschten Person - so möchte ich z. B. einer Freundin mein Erbe vermachen, die aber im Krankheitsfall nicht die erste sein soll, die mich besucht oder mit einer Freundin aus Marokko in einer Wohngemeinschaft leben, ohne daß sie finanziell auf mich angewiesen sein muß. Nun vertreten manche die Ansicht, daß es leichter ist die Homoehe durch zusetzen als das Asylrecht zu ändern. Diesen Ansatz kann ich nicht mit Sicherheit widerlegen. Deshalb respektiere ich diese Strategie, ja ich kann bis zu einem gewissen Grad sogar Solidarität üben. Ich sehe auch einen Teilerfolg in der gesellschaftlichen Anerkennung. Es soll nicht zu gering geschätzt werden, wenn manche Eltern ihre Kinder leichter als „homosexuelles“ Paar akzeptieren, seit es die Hamburger Ehe gibt. Ich sehe aber auch die Gefahr, die darin besteht, daß dadurch nur noch stärker die Ausgrenzung anderer Lebensformen zementiert wird. Wenn wir aber nicht mehr in Dualismen denken, dann muß beides möglich sein. Der Einfluß ist gegenseitig. Sabine Hark hat in einem Vortrag in Hamburg vor Jahren dieses Beispiel dafür angeführt, daß sich mit der Ausweitung der Ehe auch die Ehe verändert. Die CDU befürchtet das noch heute. „Aufweichung“ der Familienwerte wird das dann genannt.

Ich teile diese Befürchtung nicht. Meine Befürchtung geht sogar eher in die andere Richtung. Einige schwule und lesbische „Ehepaare“ scheinen die bürgerliche Norm eher hundertfünzig prozentig zu erfüllen. Die guten schwulen und lesbischen Paare sind anständigere StaatsbürgerInnen als der heterosexuelle Durchschnitt.

Die Homoehe ist eine Lebensform unter vielen. Solange sie nicht universalisiert wird, verfolge ich diese Entwicklung mit Interesse. Ja, ich würde sogar als Trauzeugin auftreten, wenn das Freundinnen wünschen sollten. Das hält mich nicht davon ab, weiter für eine grundsätzliche gesetzliche Änderung in Sachen Asyl, Erb- und Besuchsrecht etc. einzutreten.

Wenn wir uns das Weltbild der Osmosophie noch einmal vor Augen führen, dann ist jede Ereigniseinheit mit den anderen verbunden. Das heißt für unser Beispiel: sollte durch die Homoehe der Aufenthalt schwuler und lesbischer Menschen anderer Nationalität wirklich leichter möglich werden, hat das auch Auswirkungen auf die lesbisch-schwule Subkultur und heterosexuelle Lebensformen.

 

2.3. Lesben in der Osmosophie: Erzählung und Praxis

 

Eine unbegrenzte Schnittmenge mit unendlichen Variationsmöglichkeiten stellt in ihrem Kern eine Gruppe von Personen dar, die wir Lesben nennen können.

Da jede Ereigniseinheit durch unzählige Faktoren bestimmt wird, kann ich hier nicht alle erschöpfend behandeln.

Ich werde exemplarisch Körper und Sozialisation herausgreifen.

Ich wähle diese, da sie in der Entwicklung des Begriffs „Lesbe“ eine zentrale Rolle spielen.

Jede Ereigniseinheit ist darüber hinaus geprägt von Vergangenheit und Zukunft. In beiden ist ein unbenannter Rest, der die Definition immer offen hält. Sie ist nie endgültig. Die Zukunft enthält das Potential der Überraschung und ist als Fantasie, Wunsch, Begehren oder Hoffnung schon ansatzweise in der Gegenwart vorhanden. Das heißt, daß Lesben, die irgendwann in ihrem Leben Hetera waren oder werden, das als Teil ihres Lebens in der Gegenwart als Lesbe begreifen können. Sie müssen es weder verbergen noch verleugnen.

 

2.3.1. Körper

 

Körper ist Teil der Ereigniseinheit und bildet gleichzeitig selbst eine Ereigniseinheit. Diese Vorstellung ermöglicht die Verknüpfung mit dekonstuktivistischen Erklärungen. Allerdings ist von Seiten des Dekonstruktivismus eine Sperre eingezogen. Das Unsagbare kann nicht gedacht werden. Es hat im Dekonstruktivismus keinen Platz. In der Osmosophie allerdings schon.

Anatomie, Materialität, naturwissenschaftliche Interpretation und gesellschaftliches Gesundheitsverständnis sind Elemente, die die Ereigniseinheit „Körper“ mitbestimmen. Dabei sind alle Ereigniseinheiten verwoben und verknüpft. Sie bilden jeweils selbst den Mittelpunkt einer Einheit.

 

2.3.2. Gesellschaft

 

Das Frausein kann sich nicht monadisch aktualisieren. Es ist nur in Bezug zu Geschichte, gegenwärtiger Gesellschaft und kulturellem Umfeld zu beschreiben.

Auch hier gilt die Vielzahl der Einheiten, die zur Aktualisierung beitragen. Die Herkunft, kulturell und schichtspezifisch, spielt ebenso eine Rolle für die weibliche Identität, wie gesellschaftliche Werte oder religiöser Hintergrund. Die sexuelle Orientierung ist gesellschaftlich gesehen eine zentrale Grundlage.

Rechtliche Voraussetzungen prägen nicht mehr und nicht weniger als Wissenschaftliche Interpretationen und konkrete Zurichtungen. Medizin, Sexualwissenschaft und Psychoanalyse, haben u.a. dazu beigetragen, ein Frauenbild zu kreieren, das an den Körper gebunden ist.

 

2.3.3. Zukunft

 

Für Osmosophie ist die Offenheit ein unabdingbarer Faktor. Deshalb soll hier bei.

Es wird keine Revolution ausgerufen oder ein feministisches Utopia erträumt. Durch die Vielzahl der Faktoren, die bei jeder Aktualisierung beteiligt sind, können nie abschließende Aussagen gemacht werden.

Das ist die entscheidende Voraussetzung für eine Definition, die dem Begriff alle Entwicklungsmöglichkeiten läßt.

Daß hier aber nicht von einer willkürlichen Beliebigkeit gesprochen wird, hat das Weltbild der Osmosophie gezeigt. Geschichte, Biographie, Vergangenheit, Materialität und Relationalität verhindern eine völlig willkürliche Entwicklung.

 

Es ist ein unglaublicher Reichtum in diesem Begriff des Frauseins.

So kann der Mythos zu neuen Ufern locken, die alle Fantasie für künftige Erzählungen mobilisieren. Die Praxis ist an sich schon so vielfältig, daß sie sich jeder universalistischen Beschreibung entzieht.

In diesem Sinne beende ich den Vortrag in der Hoffnung, Bewegung in die Kategorien der begrifflichen Theoretisierung gebracht zu haben.

Vortrag gehalten in Salzburg, Österreich, 2002

 


 

1 Vgl. Kristeva, Julia, Die neuen Leiden der Seele, Hamburg 1994 und Foucault, Die Geburt der Klinik, Frankfurt/m-Berlin-Wien 1976.

 

2Klinger, Cornelia, Welche Gleichheit und welche Differenz?, aus: Differenz und Gleichheit, Menschenrechte haben (k)ein Geschlecht, hg. V. Ute Gerhard et al, Frankfurt 1990.

« danser »

 

je danse

qu’est-ce qu' un rythme ?

je danse tu danses il danse

ce n’est pas moi qui danse


le rythme fait danser

la répétition prend possession du corps

un seul pas s’impose

  IMG-0501.JPG

je danse

 

c’est lui qui danse

c’est mon corps perdu

quelqu’un d’un autre monde

le souvenir du corps

le passé était donc rythmé

 

je danse

 

mon corps devient instrument vivace

il fait un pas en avant, un pas en arrière

  il n’est pas un pantin

devant cet instrument vibrant

qui ne m’abandonne pas

qui ne me trahit pas


 

je danse

 

je danse les souvenirs heureux et malheureux

qui ne partent pas dans l’oubli

la mémoire fleurit devant moi

 

je danse

 

la danse surprend mon pas

quoique la fin soit prévue, je danse

pour garder le rythme

 

je danse

 

à partir d’un poème , Pézenas, mai 2004, Rose Killinger

 
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